Pforten der Weisheit
Pforten der Weisheit

Meister Eckhart

Eckhart-Pforte der Erfurter Predigerkirche

 

Sieh, die gute Seele blüht auf im Leid, wie die schöne Rose im Tau des Maien. Es ist der enge Weg, der da herrlich hinaufführt zur Pforte des Himmels. Leiden kleidet die Seele in ein Rosengewand von Purpur, sie trägt der roten Rosen Kränzlein.

 

Heinrich Seuse/Henricus Suso (1295 - 1366), dt. Dominikaner und Mystiker, stark beeinflusst von den Lehren des Meister Eckhart, 1831 selig gesprochen

DW 1, Ed. S. 312,2-312,9; Quint, Ü. S. 237,2-237,11

 

Unser Herr spricht: »In der Pforte des Gotteshauses steh und sprich aus das Wort und bring das Wort vor!« (Jer. 7,2). Der himmlische Vater spricht ein Wort und spricht es ewiglich, und in diesem Worte verzehrt er alle seine Macht , und er spricht in diesem Worte seine ganze göttliche Natur und alle Kreaturen aus. Das Wort liegt in der Seele verborgen, so daß man es nicht weiß noch hört, dafern ihm nicht in der Tiefe Gehör verschafft wird; vorher wird es nicht gehört; vielmehr müssen alle Stimmen und alle Laute hinweg, und es muß eine lautere Stille da sein, ein Stillschweigen. Über diesen Sinn will ich jetzt nicht weiter sprechen.

 

 

DW 1, Ed. S. 313,1-313,10; Quint Ü. S. 237,12-237,23

 

Nun: »Steh in der Pforte!« Wer da steht, dessen Glieder sind geordnet. Er will sagen, daß das oberste Teil der Seele fest ausgerichtet stehen soll. Alles, was geordnet ist, das muß geordnet sein unter das, das über ihm ist. Alle Kreaturen gefallen Gott nicht, wenn das natürliche Licht der Seele sie nicht überglänzt, in dem sie ihr Sein empfangen, und wenn des Engels Licht das Licht der Seele nicht überglänzt und sie bereitet und füglich macht, daß das göttliche Licht darin wirken könne; denn Gott wirkt nicht in körperlichen Dingen, er wirkt (vielmehr nur) in der Ewigkeit. Darum muß die Seele gesammelt und emporgezogen sein und muß ein Geist sein. Dort wirkt Gott, dort behagen Gott alle Werke. Nimmer ist Gott irgendein Werk wohlgefällig, es werde denn dort gewirkt.

 

 

DW 1, Ed. S. 314,1-315,7; Quint Ü. S. 237,24-238,9

 

Nun: »Steh in der Pforte im Hause Gottes!« Das Haus Gottes ist die Einheit seines Seins! Was Eins ist, das hält sich am allerbesten ganz für sich allein. Darum steht die Einheit bei Gott und hält zusammen und legt nichts hinzu. Dort sitzt er in seinem Eigensten, in seinem esse, ganz in sich, nirgends außerhalb seiner. Aber da, wo er schmilzt, da schmilzt er aus. Sein Ausschmelzen ist eine Gutheit, wie ich kürzlich im Zusammenhang des Themas Erkennen und Liebe sagte. Das Erkennen löst ab, denn das Erkennen ist besser als die Liebe. Aber zwei sind besser als eins, denn das Erkennen trägt die Liebe in sich. Die Liebe vernarrt sich und hängt sich fest in die Gutheit, und in der Liebe bleibe ich (denn also) "in der Pforte" hängen, und die Liebe wäre blind, wenn es kein Erkennen gäbe. Ein Stein hat auch Liebe, und desse Liebe sucht den (Erd-)Grund. Bleibe ich in der Gutheit hängen, im ersten Ausschmelzen, und nehme Gott, sofern er gut ist, so nehme ich die "Pforte", nicht aber nehme ich Gott. Darum ist das Erkennen besser, denn es leitet die Liebe. Die Liebe aber weckt das Begehren, das Verlangen. Das Erkennen hingegen fügt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er bloß ist, und erfaßt ihn einzig in seinem Sein.

Wenn Sie zwischen den Welten wandeln wollen, buchen Sie unter dem Punkt "Pforten zur Selbsterkenntnis" das persönliche oder erlebte Horoskop oder auch den Tempelschlaf (im weiten Sinne einer Reinkarnationstherapie).

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