Pforten der Weisheit
Pforten der Weisheit

Horusbühne

 

Hierbei handelt es sich um vier Mysterienspiele, die eine subtile Verflechtung der Tarotsäulen mit bekannten Mythen von der Antike bis zum Mittelalter beinhalten und deswegen in ihrer Form als TaroTheater mit einweihenden Riten gleichgesetzt werden können:

 

 

1. Zyklus:
Die Mondenkraft befreit den Sonnenlogos


»Wir schrieben den 29. April 2000, ich war pünktlich um 18:00h am Schauplatz und suchte gemeinsam mit den anderen Personen meinen Platz auf. Schon gleich zu Beginn schwadete würziger Weihrauch im Gemenge, und ebenso voluminöse, rhythmische wie moderne Musik versetzte mich in eine erwartungsvolle Stimmung.
Als ich mich umschaute, nahm ich vier dekorierte Stationen im symbolischen Norden, Süden, Westen, Osten wahr und eine fünfte in der Mitte; wir Zuschauer saßen dazwischen, befanden uns also nicht in der üblichen Weise vor dem Bühnengeschehen, sondern mittendrin. Mir wurde sogleich klar, in der Horusbühne soll man theôrós, also ein Theaterbesucher im antiken Sinne sein, der die Chance erhält, ein Spiel zu Ehren der Götter in sich selbst hineinzunehmen, um davon in tiefer liegenden Gemütsschichten berührt zu werden. Natürlich gefiel mir dies, doch dachte ich mit Schrecken an den störenden Applaus, mit dem man heutzutage sogar den Genuss einer wunderschönen Opernaufführung empfindlich schmälert. Indessen erlebte ich mich diesbezüglich schnell beruhigt, hieß es doch in dem einführenden Vortrag, das Klatschen der Hände sei zu keiner Zeit erwünscht. Des Weiteren wurde uns erklärt, das TaroTheater wolle Lücken schließen, die zwischen Theater und Ritual bestünden, und sei für jene Menschen erdacht worden, denen die antiken Tragödien zu schwer, das triviale Theater zu seicht und ein echtes Ritual zu unverständlich ist. 
Im weiteren Verlauf der einführenden Vorträge erkannte ich: Die Zyklen des TaroTheaters verstehen sich gleichsam als vier regelmäßig wiederkehrende und hinführende Vorhallen zu größeren Erlebnissen, die im Hintergrund der Horusbühne bereits in Vorbereitung sind. Wie schön! Meine Seele begann sich zu entspannen und zu freuen, weil ich leise ahnte, es könnte ein wenig werden wie das Heimkommen zu jenen Herdfeuern, die zuhauf in meinem Herzen lodern ...

... Um 20:00h begann der erste Zyklus des TaroTheaters; wir mussten den feurigen Lotus zur Rechten und den wässrigen Papyrus zur Linken durchschreiten. Einige Gemüter, einschließlich des meinigen, empfanden eine heimliche Wonne in der Brust, als an jeden von uns eine überlieferte Anrede aus den ägyptischen Isisweihen erging, deren Sinngehalt man offenbar einem alten Papyrus entlehnt hatte: ›Tritt ein und heilige dich, denn noch bist du ein Tor. Und nicht ewig wirst du Sonne atmen, Sterblicher!‹ Freilich waren auch etliche Zuschauer dabei, die damit nicht in Resonanz schwangen und denen ein solcher Empfang deshalb eher befremdlich anmutete.
Der erste Zyklus des TaroTheaters veranschaulichte die Tarotsäulen 1-5, also Magier, Hohepriesterin, Herrscherin, Herrscher und Hierophant. Um diese Karten lebendig werden zu lassen, verwoben sich ihre Inhalte mit den vier bekanntesten Gottheiten aus der ägyptischen Mythologie: Osiris, Isis, Nephtys und Seth. 
Für den Altägypter spiegelten sich in den vier Figuren die harmonisierenden und widerstreitenden Charaktere, die als Bausteine der Schöpfung verstanden wurden. Die Weisen vom Nil weihten einst ihr Volk in die Dynamik des Weltengeschehens ein, indem sie der Masse in rituellen Zeremonien zeigten, wie die materiellen Kräfte (=Seth) den lebendigen Geist (=Osiris) zunächst in dem irdischen Sarkophag einsargen, dann auch noch zerstückeln, und wie der Geist am Ende durch die geläuterte Urfeuchte (=Isis Urania) unter Beihilfe des Urmütterlichen (=Nephtys) aus dem Stoff befreit wird, um als ein Wiedergeborener (=Horus) den Menschen bei ihrer Entwicklung zu helfen. Eben diese Legende lebte nun in dem Stück Die Mondenkraft befreit den Sonnenlogos wieder facettenhaft auf.

Die zentrale Figur war zunächst der Hierophant; er saß in der Mitte auf dem Stuhl der Heiligen Lehre, erläuterte das Wesen der Gottheiten und deren Eigenschaften. Er wies besonders darauf hin, dass der Osten verwaist sei, und tatsächlich sahen wir dort nur gelbes Licht, aber nicht den Gott, der eigentlich dahin gehörte. Indessen stand Osiris eingesargt im Schrein des Westens. Wir befanden uns auf der Ebene der Archetypen, und auch dort war nicht alles in Ordnung, denn lange schon wurde Osiris nicht mehr in der Öffentlichkeit erweckt! Uns wurde vor Augen geführt, wie die Unstimmigkeiten der Urprinzipien eine gewisse allgemeine Orientierungslosigkeit verursachen, die sich bis in das Menschenreich hinab verdichtet und graue, leblose Gemüter zur Folge hat. Schuld daran, das erlebten wir anschaulich mit, ist das weibliche Mondprinzip Isis, schaut sie doch gerne nach unten in die Stofflichkeit, liebt die Menschen wie eine Mutter und vergisst manchmal dabei, wie verbunden und verpflichtet sie dem Himmel stets bleiben sollte. Zu Ehren von Isis - und auf ihre Veranlassung hin - muss auf Erden von Zeit zu Zeit eine Osiris-Erweckung stattfinden, damit sowohl die Göttin als auch die Menschen niemals vergessen können, wie wichtig es ist, den solaren Geist auf dem Thron im Osten zu wissen.

Nun enthüllte ich Ihnen, liebe Leser, fast das ganze erste Stück, jedoch seien Sie dessen Eingedenk, wie wenig es darum geht, vortrefflich unterhalten oder in Spannung versetzt zu werden. Das Ganze wird eher von dem Wunsch getragen, das Bewusstsein wieder mit einigen Tropfen wissentlich potenzierter Wortkeime der Antike zu beträufeln. 

Bestimmt war es wohl nicht bei allen so, aber mir, Amadeus Zeitgeist, griffen die alten Anrufungen in das Herz, und als Osiris nach seiner Befreiung aus dem Sarkophag die Sonnenscheibe in die nach oben gerichtete Mondsichel senkte, welche von den lilienweißen Händen der Isis gehalten wurde, da überlief mich ein heißer Schauer und ich dankte den Gefährten der Horusbühne für dieses schöne Erlebnis als Zu-Schauer

Als die erste Aufführung hinter mir lag, dachte ich noch oft an das sogenannte Horuskind, das aus der Vereinigung von Sonne und Mond, von Osiris und Isis, von Magier und Hohepriesterin hervorgegangen war. Seit langem kennt man in philosophischen Kreisen den Begriff "Horusbewusstsein"; darin verbirgt sich eine Anschauung, die Hell und Dunkel, Gut und Böse, Gott und Schöpfung mit Hilfe eines dritten, neutralen Punktes in das Gleichgewicht bringt und dadurch einen inneren Frieden herstellt. ›Wohl an, mehr davon, liebe Horusbühne, Amadeus Zeitgeist ist dabei!" - so erklang es in meiner Brust.‹

 

 

2. Zyklus:
Adam und Lilith auf dem Weg zurück


»Die Tarotsäulen 6-11 erlebte ich in Aktion in dem zweiten Zyklus, der uns in apokryphe Überlieferungen des Judentums und die Symbolik des kabbalistischen Lebensbaumes führte. Es gehört zu meinem Amt als Zeitgeist, Fäden zu kennen, die alle Mythen der Menschheit miteinander verknüpfen, darum sind mir folgende Zusammenhänge vertraut: Der große Meister Moses hatte in ägyptischen Tempeln Einweihung gefunden, und führte das Volk Israel (= die gemeinsame Seelensubstanz der Menschheit) aus der Zweiheit Ägyptens durch die Wüste in das gelobte Land der Einheit. Moses nahm die solare Essenz der Heiligen Lehre mit sich und hüllte sie in die Gewänder der Thora und der Mystischen Kabbala. 

In dem zweiten TaroTheater erfassten die Zuschauer ein wenig von der kabbalistischen Symbolik und erlebten das Entzünden der Menorah. Außerdem wurden wir Zeugen der inneren Zerrissenheit des aus dem Paradiese verbannten Adams, die in dem Weib Eva und der Dämonin Lilith zum Ausdruck kam. 
Es wurde uns bewusst gemacht, die blonde Eva evakuierte Adam (den Menschen) nicht nur aus dem Garten Eden, sie hält ihn auch in der Welt der stofflichen Dichte fest; mit Eva zeugt er Kinder, mit ihr verwurzelt er sich, aber mit ihr versäumt er es auch, nach einem Rückweg in die Einheit zu suchen. Doch in den verborgenen Gründen Adams Seele gibt es noch die dunkle Lilith, Adams erste Frau, mit der er am Beginn der Schöpfung als Mann und Männin in symbiotischer Weise verbunden war. Die äußere Überlieferung besagt, Lilith gönne Adam die Liebe zu Eva aus Eifersucht nicht, weswegen Eva sich vor Lilith fürchte. Lilith lebt in der Tiefe des nächtlichen Dunkels und versucht Adams Herz mit Macht zurückzugewinnen. Alle erdenklichen Qualen sind ihr recht, um Adam dazu zu bewegen, mit ihr den Rückweg in das Paradies zu suchen, und weil sie ihm viel Leid und Drangsal bringt, ist sie auch bei Adam verhasst. 

Im TaroTheater durften wir nun miterleben, wie Adam die wahre Absicht Liliths langsam zu verstehen begann und sich dieser dunklen Stimme einmal bewusst zuwandte. Sobald er dies geschehen ließ, spürte er ebenso wie Lilith die Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit mit ihr. 
Am liebsten hätte er sich dann wie eine Fledermaus kopfüber in die Schwärze der Nacht gestürzt und sich in den Armen Liliths verloren. Aber darin läge nicht seine Erlösung, denn das Versprechen der schlangenhaften Versuchung im Sündenfall war die absolute Erkenntnis, und bevor Adam diese nicht gefunden hat, gibt es kein Zurück. Lilith weiß dies, und auch sie vermag den Weg nicht abzukürzen; aber sie kann ihn sehr wohl beschleunigen! 
Von tiefen Geheimnissen ergriffen, erlebten wir Hofgefährten der Horusbühne, wie Lilith Adam an der Hand nahm und ihn zu dem Liber Mundi führte. Jenes einweihende Weltenbuch des Erzengels Raziel lag an der Station des heiligen Wagens, der siebten Tarotsäule. Der Wagenlenker – dessen Platz im Osten war – hielt es so lange in seiner Obhut, bis Adam diese Station erreichte. Wir erkannten: In diesem Buch kann Adam nur lesen, wenn er sich von Eva abwendet und sich Lilith hingibt. Gemeinsam fanden Adam und Lilith im Wagenlenker ihre Erfüllung und – beschützt unter dem Sternenbaldachin – erkannten sie die Weisheit der sieben Flammen. 

Adam kam danach vor das Schwert der Inneren Gerechtigkeit, erklomm den Berg höheren Wissens und lernte Mantel, Stab und Lampe des Eremiten in seinem eigenen Sein kennen.
Jedoch zum Leidwesen Adams und Liliths gefiel es Eva überhaupt nicht, wenn jenes Buch verstanden wird – und noch übte das Schicksalsrad Macht über den Menschen aus! Der Himmelsweg Adams hatte zwar schon begonnen, doch die Erlösung war noch weit. Dennoch erlebten wir einen Moment größter Verheißung: Ein zauberhaftes Wesen saß – weiß gekleidet und mit roten Rosen umrankt – im Osten, hob seinen Schleier vom Antlitz, schritt federleicht in die Mitte und hielt mit Mystischer Stärke das starke und gesunde Ego Adams im Zaume. Da wusste ich, Adams Seele war geläutert, er würde auch geistig vollständig erwachen und eines Tages sogar das Licht aus dem Körperlichen retten.«

 

 

3. Zyklus:
Metanoia - die orphische Umkehr


»Im Oktober wurden die Tarotsäulen 12-17 in dem Kult des Orpheus mit Leben erfüllt. Ich war gespannt, wie wohl die Verkörperung des Teufels aussehen würde!
Hören Sie was geschah: Orpheus, der Künstler, hatte seine stoffliche Welt in der Gestalt seiner Gemahlin Eurydike verloren und wurde dadurch an der Station des Gehängten der Gnade teilhaftig Priester der Ewigkeit werden zu dürfen. Um sich dieses Amtes würdig zu erweisen, hatte Orpheus freiwillig den Mystischen Tod zu durchwandern und wurde durch diesen Einweihungsritus zu dem Himmlischen Alchymisten der 14. Tarotsäule. 
Auf dem Boden verrohter Sitten Thrakiens sollte Orpheus einen Kult der Katharsis schaffen, so lautete seine Mission! Er ließ darum seine Neophyten den erdverbundenen Kult der Dionysosweihen richtig auskosten; Der Teufel erschien als das, was er ist: Ganz und gar schön, sinnlich, genussreich, aber auch verwirrend und sarkastisch! Weinrausch, Raserei, lüsterne Mainaden und Satyren wurden durch Musik und lachende Frauen dargestellt. In ihrer Wollust banden sie sich dann auf der 15. Tarotsäule exzessiv an den Sinnen fest und bewiesen ihre Diesseitigkeit durch vordergründige Liebesparolen und zweifelhafte Genusssüchte. Orpheus schaute ihnen gelassen zu, brachte aber verbal zum Ausdruck, dass sie augenscheinlich nicht wüssten, was Liebe und Genuss in Wahrheit seien. 
Dann endlich - auf dem Höhepunkt der Orgie - verblüffte Orpheus die Mysterienschüler mit einem Wunder, das Zeit und Raum aus den Angeln hob. Angesichts des dionysischen Geheimnisses kehrte Stille in die Gemüter der Menschen ein. Jetzt waren sie bereit, den zweiten orphischen Prozess der inneren Reinigung zu vollziehen, sie lösten sich aus dem Gefängnis der Subjektivität und empfingen die Einweihung von Orpheus. Nach dieser Metanoia, d.h. Umkehr, stürzten die Ichkräfte von dem Turm falscher Erhöhung, und das Höhere Selbst trat als sonnenumstrahlter Apollon hervor, um dem Stern der Seele das Leben zu überlassen. 
Die totale Vergeistigung war erreicht, und Amadeus Zeitgeist war nun recht gespannt, was hernachmals noch geschehen würde!«

 

 

4. Zyklus:
Rosa Chymia - die Erlösung des Menschen


»Der Januar kam, ich nahm meinen Ehrenplatz wieder ein und blickte mich um. An die Weihrauchschwaden hatten sich die meisten Gefährten des Horus ebenso gewöhnt wie an das Schweigen der Hände. 
Jetzt waren die Tarotsäulen 18-21 an der Reihe: Nachdem Seele und Geist in den vorangegangenen Zyklen erhoben und erlöst worden waren, kam die Zeit, die Gegensatzvereinigung im Körperlichen anzustreben. Die geheime Kunst der Frau Alchymia setzt hier ein: Auf der Horusbühne sahen wir ein Laboratorium im Norden und ein Oratorium im Süden, denn Gebet und Arbeit kennzeichnen den Alchymisten. Die betende Seele stieg noch einmal in das Urgrauen der letzten Nigredo hinab, um die verborgenen Schatten des Seins zu durchlichten, finsterer Aberglaube und verführerische Erdensüße müssen vernichtet werden! Erst dann vermag (ein großes Geheimnis haucht uns an!) der Mensch auf drei Ebenen aufzuerstehen, um das Recht zu erwirken, in dem Hieros Gamos in den Atem Gottes einzugehen ...! 
Dieses vierte Stück berührte einige Zuschauer am meisten, dies lag wohl daran, dass es jetzt weder um die Götter noch um antike Einweihungsstrukturen ging. Angesprochen war das real erfahrbare Menschenreich im "Jetzt", mit all seinen trügerischen Hoffnungen und Wahnvorstellungen.«

 

Die feierlichen Inszenierungen stellen innere Prozesse dar, die an den stufenweise aufeinander folgenden Stationen des Evolutionsweges im Bewusstsein des Menschen wahrhaftig geschehen.

Wenn Sie zwischen den Welten wandeln wollen, buchen Sie unter dem Punkt "Pforten zur Selbsterkenntnis" das persönliche oder erlebte Horoskop oder auch den Tempelschlaf (im weiten Sinne einer Reinkarnationstherapie).

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Confinium