Pforten der Weisheit
Pforten der Weisheit

Hermann Hesse

Erscheinung

 

Jede Erscheinung auf Erden ist ein Gleichnis,

Und jedes Gleichnis ist ein offenes Tor,

Durch welches die Seele, wenn sie bereit ist,

In das Innere der Welt zu gehen vermag,

Wo du und ich und Tag und Nacht alles eines sind.

Jedem Menschen tritt hier und dort in seinem Leben

Das geöffnete Tor in den Weg,

Jeden fliegt einmal der Gedanke an,

Dass alles Sichtbare ein Gleichnis sei,

Und dass hinter dem Gleichnis der Geist

Und das ewige Leben wohne.

Wenige freilich gehen durch das Tor

Und geben den schönen Schein dahin

Für die geahnte Wirklichkeit des Inneren.

 

Hermann Hesse

Die Morgenlandfahrt

 

Vom Finden und Nicht-Finden der Pforte:

 

Wer weit gereist, wird oftmals Dinge schauen,
Sehr fern von dem, was er für Wahrheit hielt.
Erzählt er`s dann in seiner Heimat Auen,
So wird ihm oft als Lügner mitgespielt.
Denn das verstockte Volk will ihm nicht trauen,
Wenn es nicht sieht und klar und deutlich fühlt.
Die Unerfahrenheit, ich kann mir's denken,
Wird meinem Sange wenig Glauben schenken.

 

»Diese Unerfahrenheit hat es dann auch zustande gebracht, daß heute in der Öffentlichkeit unsre Reise, welche einst Tausende bis zur Ekstase erregt hat,  nicht nur vergessen, sondern daß ihr Gedächtnis mit einem richtigen Tabu belegt ist...

 

...Zu den Besonderheiten der Morgenlandfahrt gehörte unter anderem auch diese, daß zwar der Bund mit dieser Reise ganz bestimmte, sehr hohe Ziele anstrebte (sie gehören der Zone des Geheimnisses an, sind also nicht mitteilbar), daß aber jeder einzelne Teilnehmer auch seine privaten Reiseziele haben konnte, ja haben mußte...

 

...Ich [Bruder H.] erkannte: wohl hatte ich mich einer Pilgerfahrt nach dem Morgenlande angeschlossen, einer bestimmten und einmaligen Pilgerfahrt dem Anscheine nach – aber in Wirklichkeit, im höheren und eigentlichen Sinne, war dieser Zug zum Morgenlande nicht bloß dieser gegenwärtige, sondern es strömte dieser Zug der Gläubigen und sich Hingebenden nach dem Osten, nach der Heimat des Lichts, unaufhörlich und ewig, er war immerdar durch alle Jahrhunderte unterwegs, dem Licht und dem Wunder entgegen, und jeder von uns Brüdern, jede unsrer Gruppen, ja unser ganzes Heer und seine große Heerfahrt war nur eine Welle im ewigen Strom der Seelen, im ewigen Heimwärtsstreben der Geister nach Morgen, nach der Heimat...

 

...Der Zug nämlich verlief nicht in einer festen Ordnung, so daß alle Teilnehmer in mehr oder weniger geschlossenen Heersäulen, alle in gleicher Richtung, gezogen wären. Vielmehr waren zahllose Gruppen gleichzeitig unterwegs, jede ihren Führern und ihren Sternen folgend, jede stets bereit, sich in eine größere Einheit aufzulösen und eine Weile ihr anzugehören, aber nicht minder bereit, stets auch wieder vereinzelt weiterzuziehen. Mancher zog auch ganz allein seines Weges, auch ich bin zuzeiten allein marschiert, wenn irgendein Zeichen oder Ruf mich auf eigene Wege lockte...

 

...Schwierig wird das Erzählen eher dadurch, daß wir ja nicht nur durch Räume wanderten, sondern ganz ebenso durch Zeiten. Wir zogen nach Morgenland, wir zogen aber auch ins Mittelalter oder ins goldne Zeitalter, wir streiften Italien oder die Schweiz, wir nächtigten aber auch zuweilen im zehnten Jahrhundert und wohnten bei den Patriarchen oder bei Feen...

 

...Manche haben zeitlebens immer und immer wieder nach uns gesucht, uns aber nicht mehr finden können, und haben dann in der Welt gelehrt, unser Bund sei nur eine hübsche Sage...

 

...Bei meinem Plan, so etwas wie eine Geschichte der Morgenlandfahrt zu schreiben, sehe ich allerdings den Egoismus mit jedem Tage deutlicher: zuerst schien mir, als unternähme ich da eine mühevolle Arbeit im Dienst einer edlen Sache, aber mehr und mehr sehe ich, daß ich mit meiner Reisebeschreibung nichts anderes anstrebe als Herr Lukas mit seinem Kriegsbuch: nämlich mir das Leben zu retten, indem ich ihm wieder einen Sinn gebe. Wenn ich den Weg nur sähe! Wenn es nur einen einzigen Schritt vorwärts ginge!

 

...Die Geschichte des Bundes hatte ich Einfältiger schreiben wollen, ich, der ich von diesen Millionen Schriften, Büchern, Bildern, Zeichen des Archivs kein Tausendstel zu entziffern oder gar zu begreifen vermochte!...

 

Herein kamen durch die vielen Türen die Oberen in unendlicher Zahl...In den vielen Sesselreihen baute sich die erlauchte Versammlung auf, in Sesselreihen, welche nach hinten anstiegen und immer schmäler wurden...«

 

Der Oberste in goldenem Ornat sprach zu den Oberen:


»Der Angeklagte wußte bis zur Stunde noch nicht, oder vermochte doch nicht recht daran zu glauben, daß sein Abfall und seine Verirrung eine Prüfung war. Er hat lange nicht nachgegeben. Er hat es jahrelang ertragen, nichts mehr vom Bund zu wissen, allein zu bleiben und alles zerstört zu sehen, woran er geglaubt hatte. Endlich vermochte er sich aber doch nicht länger zu verbergen und zu drücken, sein Leid wurde zu groß, und ihr wisset, sobald das Leid groß genug ist, geht es vorwärts. Bruder H. ist durch seine Prüfung bis in die Verzweiflung geführt worden, und Verzweiflung ist das Ergebnis jedes ernstlichen Versuches, das Menschenleben zu begreifen und zu rechtfertigen. Verzweiflung ist das Ergebnis eines jeden ernstlichen Versuches, das Leben mit der Tugend, mit der Gerechtigkeit, mit der Vernunft zu bestehen und seine Forderungen zu erfüllen. Diesseits dieser Verzweiflung leben die Kinder, jenseits die Erwachten...«

 

Quelle: Die Morgenlandfahrt

 

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