Pforten der Weisheit
Pforten der Weisheit

Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart

»Der Gang in die Unterwelt, die Rückholung des Toten, die Wiederbringung der verlorenen Tochter ist ein Grenzgang, der sinngemäß auf den Schlafzustand ausgeweitet und übertragen werden kann, bei dem ebenso eine Grenze zwischen Wachen (Leben) und Schlafen (Tod) überschritten wird. Nicht zufällig wird der Schlaf der kleine Bruder des Todes genannt. Schlafen und Erwachen sind die beiden Schlüsselbegriffe jeder Initiation.

 

In einer Initiation erlebt man 'wie im Traum' was geschieht. Das Bewusstsein des Initianden ist traumhaft verschleiert, so dass es möglich ist, eine Brücke zwischen Traum und Einweihung zu schlagen. Der Traum ist wiederum jene Symbolsprache, zu der wir noch am ehesten aus eigener Anschauung Zugang finden. Und einer solchen Symbolsprache, verschlüsselt und teilweise verschüttet, bedient sich auch die Zauberflöte. ...

 

Das Geheimnis der Initiation wurde nicht an Außenstehende (Profane) weitergegeben und bis heute sind wir auf Mutmaßungen angewiesen. Auch innerhalb der Zauberflöte wird das Geheimnis der Initiation nicht offenbart. Was verbirgt sich hinter dieser schattenhaften Einweihung? Wie läuft diese Prüfung ab?

 

Die Türen werden gesclossen. Die Feuer- und Wasserprobe wird durchgeführt. Für den Zuschauer bleibt die Szene und ihr genauer Ablauf wage. Die schemenhafte Bewegung der Darsteller trägt nicht zur Verdeutlichung bei. Der Zuschauer weiß nicht, was wirklich passiert. ...

 

Nach 28 Takten aber ist alles schon wieder vorbei. 28 Takte also, die den Höhepunkt der Oper – zumindest des zweiten Teils – darstellen und von denen man so gut wie nichts mitbekommt. Die Initiationsszene steht nicht einmal in der Zauberflötentonart Es-Dur und selbst der folgende 'Triumph' bleibt in C-Dur. Was soll man davon halten?

 

Zu Recht betont Linda Simonis deshalb: 'Die Musik bildet ein Geheimnis ab, entschlüsselt es aber nicht.' Anders gesagt: all das, was an Geheimnis erahnt oder angedeutet wird, verbleibt hinter verschlossenen Türen. Und trotzdem fühlt sich der Zuschauer eingebunden in diese Initiationsszene.«

 

Quelle: Die Traumfahrt der Zauberflöte von Wolfram Frietsch

Zweiter Akt, Verwandlung

 

Wilde Felsengegend mit einem eisernen Mitteltor. Rechts und links eiserne Tore als Eingänge. Im Hintergrund zu beiden Seiten des Mitteltores Felsenhöhlen; in der einen rechts sieht man durch ein eisernes Gitter eine brausende Wasserflut, in der anderen links eine hellflammende Feuerglut. Es ist halbdunkel.

 

Siebenundzwanzigste Szene (Ausschnitt)

 

Zwei geharnischte Männer mit Lanzen vor dem eisernen Mitteltor stehend, auf den Helmspitzen Flammenfeuer. Der nur leicht gekleidete Tamino wird von zwei Priestern hereingeführt. Die Geharnischten lesen Tamino die transparente Schrift vor, welche auf einer Pyramide geschrieben steht, diese Pyramide steht in der Mitte ganz in der Höhe, nahe dem Eisengitter. Paminas Stimme rechts draußen.

 

Die zwei Geharnischten:

Der, welcher wandert diese Straße voll Beschwerden,

Wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden;

Wenn er des Todes Schrecken überwinden kann,

Schwingt er sich aus der Erde himmelan.

Erleuchtet wird er dann imstande sein,

Sich den Mysterien der Isis ganz zu weihn.

 

Tamino:

Mich schreckt kein Tod, als Mann zu handeln,

Den Weg der Tugend fortzuwandeln.

Schließt mir die Schreckenspforten auf,

Ich wage froh den kühnen Lauf.

 

Pamina:

(von rechts draußen)

Tamino, halt! ich muss dich sehn.

 

Tamino:

Was hör ich? Paminens Stimme?

 

Die Geharnischten:

Ja, ja, das ist Paminens Stimme.

 

Tamino:

Wohl mir, nun kann sie mit mir gehn,

Nun trennet uns kein Schicksal mehr,

Wenn auch der Tod beschieden wär'!

...

Welch' Glück, wenn wir uns wiedersehn.

 

Tamino und die Geharnischten:

Froh Hand in Hand in Tempel gehn.

Ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut,

Ist würdig und wird eingeweiht.

 

Die beiden Priester:

(Die Tür wird aufgemacht und die beiden Priester kommen mit Pamina zurück.)

 

Pamina:

(Tamino umarmend)

Tamino mein! O welch ein Glück!

 

Tamino:

Pamina mein! O welch ein Glück!

(Er zeigt nach den beiden Felsenhöhlen.)

Hier sind die Schreckenspforten,

Die Not und Tod mir dräun.

 

Pamina:

Ich werde aller Orten,

An deiner Seite sein.

Ich selbsten führe dich,

Die Liebe leitet mich!

(Sie nimmt ihn bei der Hand.)

Sie mag den Weg mit Rosen streun,

Weil Rosen stets bei Dornen sein.

Spiel du die Zauberflöte an;

Sie schütze uns auf unsrer Bahn.

Es schnitt in einer Zauberstunde

Mein Vater sie aus tiefstem Grunde

Der tausendjähr'gen Eiche aus

Bei Blitz und Donner, Sturm und Braus.

Nun komm und spiel die Flöte an,

Sie leite uns auf grauser Bahn.

 

Tamino und Pamina:

Wir wandeln durch des Tones Macht

Froh durch des Todes düstre Nacht!

 

(Prüfung durch die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde: Tamino und Pamina wenden sich zur Feuerhöhle, die sie durchwandern. Die Türen werden nach ihnen zugeschlagen; man sieht und hört Feuergeprassel nebst Windgeheul, manchmal auch den Ton dumpfen Donners und Wassergeräusch. Tamino bläst seine Flöte; gedämpfte Pauken akkompagnieren manchmal darunter. Sobald sie vom Feuer herauskommen, umarmen sie sich  und bleiben in der Mitte.)

 

Beide:

Wir wandelten durch Feuergluten,

Bekämpften mutig die Gefahr.

Dein Ton sei Schutz in Wasserfluten,

So wie er es im Feuer war.

 

(Tamino und Pamina wenden sich nun zur Wasserhöhle. Sobald sie aus der Wasserprobe herauskommen:)

 

Offene Verwandlung

 

Es weichen die Felsen nach oben und nach den Seiten hin zurück und man sieht den breiten Eingang in einen Tempel, welcher von den Priestern angefüllt, hellbeleuchtet und im vollkommensten Glanz strahlt. Sarastro und die Priester hoch oben im Tempel.

 

Tamino und Pamina:

Ihr Götter! Welch ein Augenblick!

Gewähret ist uns Isis' Glück.

 

Chor der Priester:

Triumph! Triumph! Du edles Paar!

Besieget hast du die Gefahr!

Der Isis Weihe ist nun dein!

Kommt, tretet in den Tempel ein!

 

Tamino und Pamina:

(wenden sich nach hinten zum Tempel)

 

Sarastro:

(kommt herunter, reicht ihnen zum Empfang die Hände und führt sie in den Tempel ein.)

...

 

Offene Verwandlung – Sonnentempel

 

Dreißigste Szene

 

Man hört den stärksten Akkord, Donner, Blitz, Sturm. Das Theater verwandelt sich in einen Sonnentempel. Sarastro steht erhöht; Tamino, Pamina, beide in priesterlicher Kleidung. Neben ihnen die ägyptischen Priester auf beiden Seiten. Die drei Knaben halten Blumen.

 

Sarastro:

Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,

Vernichten der Heuchler erschlichene Macht.

 

Chor der Priester:

Heil sei euch Geweihten!

Ihr dränget durch die Nacht.

Dank sei dir, Osiris,

Dank dir, Isis, gebracht!

Es siegte die Stärke

Und krönet zum Lohn

Die Schönheit und Weisheit

Mit ewiger Kron'!

 

 

Wenn Sie zwischen den Welten wandeln wollen, buchen Sie unter dem Punkt "Pforten zur Selbsterkenntnis" das persönliche oder erlebte Horoskop oder auch den Tempelschlaf (im weiten Sinne einer Reinkarnationstherapie).

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